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W ann hat Ihnen zum letzten Mal jemand – den Sie nicht kannten – auf der Straße Guten Tag gesagt, als Sie an Ihm vorbeigegangen sind? Wann hat Sie jemand zum letzten Mal an der Kasse vorgelassen, weil Sie weniger im Einkaufwagen hatten? Wann wurde Ihnen von jemand fremdem zum letzten Mal die Tür aufgehalten? Wann haben Sie das alles zuletzt getan?

Leider sind solche Formen der Höflichkeit und der Wertschätzung Fremden gegenüber heutzutage scheinbar nicht mehr normal. Sie werden nur noch selten praktiziert. Jeder scheint zu sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein und denkt gar nicht mehr darüber nach, wie sein Verhalten auf andere wirkt.

Woher kommt das? Haben wir wirklich eine Art von Werteverfall oder trügt mich mein Eindruck? Vielleicht bin ich auch einfach zu altmodisch und heutzutage geht es nur noch um die eigene Verwirklichung und somit die eigenen Vorteile?

Gesellschaft und Werte

Eine Gesellschaft ist auch immer eine Wertegesellschaft. Werte prägen das Zusammenleben, sie beeinflussen, welche Ziele verfolgt und welche Ideale hochgehalten werden. Allerdings sind Werte nicht unveränderlich, sie befinden sich ständig im Fluss, so wie die Gesellschaft, in der Sie existieren.

Die Werte einer Gesellschaft beeinflussen das Verhalten der Menschen, die in dieser Gesellschaft leben. Wir alle haben von Kleinkind an die Werte unserer Eltern erfahren und gelernt. Oft werden diese auch im Erwachsenenalter übernommen und wiederum an die eigenen Kinder weitergegeben. Diese Werte geben uns Orientierung und Halt selbst in unserer immer schnelllebigeren Gesellschaft.

Betrachtet man unsere Gesellschaft grob im Rückblick so hat sich die Wertestruktur stark geändert. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs standen – verständlicherweise – materielle Werte wie Besitz, Wohlstand, der Wunsch nach Ordnung und Beständigkeit, im Vordergrund. Dies lässt sich gut nachvollziehbar mit dem Überlebenstrieb des Menschen sowie seinem Streben nach Sicherheit begründen. Doch bereits die Folgegeneration machte durch das deutsche Wirtschaftswunder einen Wertewandel durch. Der Wunsch nach materieller Absicherung war in vielen Teilen der Gesellschaft weitestgehend erfüllt, wodurch es Platz für neue Ziele gab. Hierdurch sind neue Ideale entstanden. Es kristallisierte sich zunehmend das Verlangen nach Selbstverwirklichung und Individualität heraus. Dies hat sich bis heute manifestiert und in meinen Augen auch potenziert.

Dieses Individualitätsstreben geht heutzutage soweit, dass jeder für sich selbst nahezu komplett entscheiden kann was er tun möchte. Wir können mehrmals heiraten oder ohne Heirat Kinder bekommen, mit so vielen Sexualpartnern schlafen wie wir wollen, in die Oper oder Theater mit Abendkleid oder in Jeans gehen. In unserer heutigen Gesellschaft ist eben fast alles erlaubt. Außerdem findet sich durch die sozialen Medien wie Facebook, Twitter oder Instagram immer jemand, der die eigenen Wertevorstellungen und Lebensansätze unterstützt und teilt.

Dies führt meiner Meinung nach dazu, dass wir immer schneller neuen Ideen, Idealen oder vermeintlichen Heilsbringern hinterherlaufen. Es geht mehr und mehr um die schnelle Befriedigung der Individualität. Jedoch immer gepaart mit dem Wunsch nach sozialer Bestätigung und Anerkennung.

Es scheint nicht wirklich darum zu gehen, die eigene intrinsische Individualität und Selbstverwirklichung zu leben. Sobald man mal den äußeren gewollten Eindruck abstreift, geht es nämlich oft nur um die Anerkennung im sozialen Umfeld. Wobei diese – gerade in der jungen Generation – oft durch den sozialen Widerhall in den digitalen Medien gemessen wird. Es geht also, überspitzt ausgedrückt, nur um Likes, Retweets etc.

Häufig zeigt sich dies durch die Darstellung des eigenen Lebensgenusses. Es werden Essensfotos geteilt oder von eigenen tollen Erlebnissen am Wochenende oder nach Feierabend Fotos in die Welt gesendet. Immer mit der Idee dahinter: Seht her!, was für ein tolles Leben ich habe und wie ich es genieße.

Die vermeintlichen Zwänge durch „alte“ Werte und Tugenden sind gefühlt zu hoch um diese zu praktizieren. Es ist vergnügsamer und anerkennt, sich selbst in den Vordergrund zu stellen um sich zu verwirklichen. Dies geht soweit, dass »alte« Werte wie Fleiß, Pünktlichkeit, Zurückhaltung, Höflichkeit, etc. scheinbar in einigen Teilen unserer Gesellschaft keinen Platz mehr im Zusammenspiel von Schnelllebigkeit, Digitalisierung und Konsumgesellschaft haben. An ihrer Stelle ist die propagierte Selbstbestimmung im Wertekomplex an zentraler Stelle gerückt.

Andere Teile unserer Gesellschaft verweigern sich wiederum bewusst diesem oft propagierten modernen Lebenswandel und ziehen sich auf konservative Standpunkte zurück, die altbewährtes bewahren sollen. Auch dies findet Widerhall. Außerdem schaffen es auch immer wieder Benimm-Ratgeber auf Bestsellerlisten und gerade junge Paare heiraten wieder am liebsten in Weiß und oft in der Kirche. Also doch kein Werteverfall oder Selbstbestimmungsfokus?

Für mich lässt sich dieser scheinbare Wiederspruch einfach erklären. Wir alle sehnen uns nach Halt. Diesen erhalten wir aber durch schnelllebige Trends nicht, sondern nur durch beständige Werte mit denen wir positive Erlebnisse und somit Emotionen verknüpfen. Hierdurch kommen Werte und Bräuche, die seit Jahrzehnten oder länger existieren wieder zumindest in bestimmten Situationen zur Geltung (Heirat, Weihnachten, Ostern, Taufe, Geburt, Schuleinführung etc.) – nämlich genau dann, wenn ein großes Lebensereignis ansteht und eben nicht nur der Alltag bestritten wird.

Im Vergleich können neue noch nicht bewährte Trends (bzw. Wertansätze) keine Stabilität bieten. Ihnen fehlt die emotional bestätigte Komponente. Denn wir alle haben ein von Kindheit an geprägtes Bild von einer Hochzeit in Weiß oder der Geborgenheit im Familienkreise an Weihnachten in unseren Kopf. Selbst wenn wir es vielleicht nichts selbst so erlebt haben, hat die Werbung mit ihren emotionalen Botschaften ihre Arbeit stets erfolgreich getan und uns geprägt.

Die Sehnsucht nach Halt

Wir alle sehnen uns in unserem Inneren nach Liebe, Freundschaft, Zugehörigkeit, Vertrautheit und Bestätigung. Wir haben eben ein inneres Verlangen nach Anerkennung als wertvoller Mensch und somit Halt für uns in Zeiten in den es uns nicht gut geht. Außerdem sehnen wir uns danach frei entscheiden zu können was wir wollen und was wir mit unserer Zeit machen möchten.

Allerdings spüren/verstehen viele Menschen erst im Alter, dass für diesen Halt moralische Werte so wichtig sind. Wenn wir jung sind, wollen wir uns ausprobieren und frei und wild sein, Regeln brechen und Grenzen austesten – wir wollen individuell und besonders sein und dies auch zeigen. Sind wir dann erstmals im Berufsleben angekommen, geht es oft nur um Geld und Karriere. Die Konsum- und Erfolgsgesellschaft nimmt uns dann mehr und mehr in Beschlag. Zwar brechen wir auch mal aus und tun das was wir wollen, aber im Großen und Ganze ordnen wir uns den Zwängen der Arbeitswelt unter um Geld zu verdienen und somit leben zu können.

Manchmal lernen wir auf schmerzhafte Weise, was uns im Leben wirklich wichtig ist und welche Werte hierfür das Fundament bilden. Bleibt uns dies erspart, so lernen wir dies erst dann, wenn wir den scheinbar sinnvollen Konsum- und Anerkennungsstreben erwachsen und uns Zeit für uns selbst nehmen.

Viele Menschen eilen jedoch Verheißungen hinterher ohne jemals zur inneren Ruhe zu kommen. Um inneren Halt zu finden benötigen wir aber zunächst die Erkenntnis, was für Werte uns diesen Halt liefern.

Wie Sie Ihr eigenes Wertegerüst finden

Um die Werte, die für Sie wichtig sind zu finden, fokussieren Sie sich am besten auf erlebte Emotionen im Zusammenhang mit wichtigen Ereignissen in Ihrem bisherigen Leben. Blicken Sie in Ihr Leben zurück und fragen Sie sich, in welchen Situationen Sie sich sicher, geborgenen und glücklich gefühlt haben. Leiten Sie aus diesen Situationen übergeordnete Werte ab und überlegen Sie dann, wie Sie diese selbst leben möchten.

Durch Ihr eigenes Verhalten – basierend auf diesen Werten – werden Sie den passenden Weg einschlagen um die von Ihnen gelebten Werte in Ihr Leben zu holen. Sie werden so den ersehnten Halt finden.

Außerdem können Sie an Hand Ihres eigenen Wertesystems Ihr Verhalten orientieren. Sie wissen somit immer, wie Sie sich selbst in komplizierten und unangenehmen Situationen verhalten sollen. Sie reflektieren nämlich einfach Ihre Werte durch Ihr Verhalten. Sie stehen für Ihre Werte und damit für sich selbst ein.

Das Schöne ist, Sie werden nicht mehr den permanenten Drang nach externer Anerkennung und Bestätigung verspüren, da Sie selbst wissen wofür Sie stehen. Sie benötigen keine externe Dauerbestätigung mehr. Anhand Ihres Wertegerüsts können Sie Ihre Zeit einteilen und Dinge in Ihrem Leben priorisieren. Sie können korrespondierende Lebensziele entwickeln und diese dann gezielt verfolgen. Nur so schaffen Sie sich die essenzielle Basis um Ihren persönlichen Platz und somit Sinn im Leben zu finden.

Zusammenfassend wird Ihnen eine Befassung mit den für Sie essentiellen Werten die Möglichkeit geben, zur Ruhe zu kommen. Sie müssen dann nicht mehr Trends nacheifern, die Halt oder Selbstbestätigung/-verwirklichung versprechen. Sie können sich dann wirklich selbst verwirklichen und nicht so, wie es gerade propagiert wird.

Sichern wir uns eine stabile und respektvolle Gesellschaft

Ehrlichkeit, Anstand, Freundlichkeit, Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft, Ordnung, Pünktlichkeit, Moral, Fleiß, Ausdauer, Unterstützung, Familie, Freundschaft, Beziehung sind alles Werte bzw. Wertinstanzen, die wir für eine intakte Gesellschaft brauchen. Lassen Sie bitte daher nicht zu, dass diese irgendwann synonym für Rückständigkeit bzw. Last stehen oder sogar komplett in Vergessenheit geraten.

Um dies zu verhindern, achten Sie bitte auch auf Ihr eigenes Verhalten im Alltag gegenüber anderen Menschen. Halten Sie Werte wir Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und Rücksichtnahme hoch. Einfach ausgedrückt, Sie sollten Sich so verhalten, wie Sie auch behandelt werden wollen. Denken Sie immer daran, was Ihr Verhalten mit anderen macht.

Ebenso wichtig ist es, dass Sie Menschen, die ein solches respektvolles Verhalten nicht an den Tag legen, darauf hinweisen, dass deren Verhalten unpassend ist. Sagen Sie ruhig jemandem, der mit lauter Musik in der Bahn sitzt, dass er diese bitte leiser machen soll. Weisen Sie Menschen darauf hin, wenn diese ohne Rücksicht durch die Supermarktgänge eilen und sie dabei anrempeln. Sprechen Sie Eltern darauf an, dass deren Kinder im Geschäft wild umhertoben und bspw. Einkaufwagen hin und her schupsen. Sagen Sie diesen Eltern ruhig, sie sollten mehr auf ihre Kinder aufpassen und diesen ein respektvolles Verhalten beibringen. Weisen Sie Menschen darauf hin, die einfach etwas wegwerfen, dass sie ihren Müll richtig entsorgen sollen. Werden Sie mündig und verteidigen Sie freundlich aber stets bestimmt ein respektvolles Miteinander. So können auch Sie unsere Welt zu einem angenehmeren Ort machen.

Übrigens: Halten Sie doch einfach mal wieder einem Fremden die Tür auf, lassen Sie jemanden an der Kasse vor oder grüßen Sie jemand wildfremdes freundlich auf der Straße. Vergessen Sie nie: Ein Lächeln alleine kann schon den Tag eines Menschen ins Positive drehen! Probieren Sie es einfach aus.

Ihr