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Ich war – wie die letzten Jahre auch – zu Weihnachten am 24. Dezember zum Nachtgottesdienst in der Kirche. Ich wollte mich besinnen und die Heilige Nacht mit Besinnlichkeit beschließen. Ich war sehr gespannt, ob dieses Jahr der Ablauf ein anderer sein wird als die zwei Jahre zuvor. Die beiden Jahre zuvor war nämlich der Gottesdienst zu 100% identisch.

Ich wurde auch nicht enttäuscht, da dieses Mal ein Vertretungspfarrer da war, der alles ganz anders machte. Er ließ Lieder singen, die nur absolut „eingefleischte“ Kirchengänger kannten. Die Folge war, es sang fast niemand mit. Bis zum letzten Lied – »Oh du Fröhliche«.

Es war wie eine Befreiung, die Menschen blühten auf und es wurde aus vollen Kehlen gesungen. Um die schlechte Liedauswahl geht es aber nicht, die kam nur erschwerend hinzu. Der Pfarrer hatte scheinbar nicht verstanden, dass man Menschen am besten mit dem erreicht, was sie kennen und schätzen und eben nicht mit »schwerer Kost«.

Das wahrhaft Merkwürdige an dem Gottesdienst war jedoch die Predigt mit dem Höhepunkt einer wehenden Windel am Altar und dem finalen Wurf der Windel in eine Krippe.

Alles fing eigentlich sehr interessant an. Der Pfarrer begann seine Predigt mit den heutigen Hoheitszeichen von führenden Automarken etc. und wie wir uns von diesen blenden lassen. Ich war wirklich gespannt, was er schlussfolgern würde. Die Thematik vertiefte er jedoch leider nicht, sondern wechselte abrupt zu den Hoheitszeichen der Kirche. Ich dachte spontan an das Kreuz: Weit gefehlt!

Die Hoheitszeichen der Kirche seien: Die Windel und die Krippe!!! Und schwuppdiwub baumelte auch eine weiße Stoffwindel am Altar, um zu zeigen, worum es geht. Ich sage Ihnen: »Ein Bild für die Götter!«

Die Folge war betretene Stille und alle Gottesdienstteilnehmer schauten sich beschämt gegenseitig an. Man konnte förmlich die Fragezeichen in den Gesichtern sehen.

Der Pfarrer fuhr unbeirrt fort und erzählte, dass jeder einmal Windeln gebraucht und sicher auch später schon seine Erfahrungen mit Windeln gemacht habe. Die Eltern unter den Gottesdienstteilnehmern würden sicher auch wissen, wie der Inhalt solch einer Windel rieche. Er selbst wäre mal vor Jahren bei einer Familie zu Besuch gewesen und hätte da das jüngste Kind auf den Schoss gesetzt bekommen und – naja, plötzlich hätte er Nässe und Wärme gespürt … um nur ein paar Eindrücke aus der Predigt zu nennen.

Im Endeffekt schloss er die Predigt damit, dass Gott keine besonderen Hoheitssymbole bräuchte und daher die Windel und die Krippe gewählt hätte. Er nahm die Windel vom Altar und warf sie in eine Krippe. Die Predigt war zu Ende.

Ich muss leider zugeben, dass ich nicht wirklich weiß, was er mit der Predigt den Zuhörern sagen wollte. Ich vermute, er wollte darauf hinweisen, dass wir uns Alle umeinander kümmern/sorgen (Symbol: Windel) und uns Schutz geben sollten (Symbol: Krippe). Aber wirklich wissen tue ich es nicht. Die Gespräche, die ich nach dem Gottesdienst hörte, lassen mich darauf schließen, die meisten anderen Gottesdienstbesucher auch nicht. Sehr schade.

Was ich jedoch weiß, ist – dass der Pfarrer einem heutzutage leider weit verbreiteten Irrglauben bzw. Phänomen erlegen ist.

Vom Fehler/Irrglaube immer etwas Neues, Besonderes bzw. Extravagantes machen zu müssen/haben zu wollen

Das Phänomen, das leider schon seit längerem Kreise in unserer Gesellschaft zieht und dem der Pfarrer wohl auch erlegen ist, ist: das viele Menschen immer etwas Besonderes brauchen. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, da wir Alle etwas Besonderes sein möchten. Nur die Auswüchse, die daraus entstehen, sind bedenklich.

Die Werbung suggeriert uns schon seit langem, dass dieses oder jenes Produkt das beste und tollste ist. Auf Facebook wird millionenfach gepostet, was gerade als besonders erachtet wird und viele Likes wert sein könnte. Es geht nur noch um Superlative.

Viele Menschen gieren geradezu nach Aufmerksamkeit und um diese zu erlangen, suchen sie – teilweise verzweifelt – nach immer Neuem und Besonderem bzw. nach dem einen Extravaganten, was so noch nicht da war.

Häufig geht es hierbei aber nicht um sich selbst, sondern nur darum, dann später von diesem Erlebnis erzählen bzw. zu posten zu können. Es geht darum, die Aufmerksamkeit Anderer zu erlangen. Es wird nicht mehr selbst direkt und ungefiltert erlebt, sondern durch das Smartphone für andere, um dann wiederum deren Likes zu erhalten.

Ok, der Pfarrer hatte jetzt kein Smartphone, mit dem er sich aufgenommen hat, aber auch er wollte andere  Menschen durch etwas Besonderes begeistern und wohl auch für die Kirche binden. Ich würde aber leider sagen, das ging schief.

Der Pfarrer war in der bestmöglichen Situation, um seine Zuhörer zu erreichen. Diese sind freiwillig zu ihm gekommen und waren da, um zuzuhören. Er musste gar nicht etwas Besonderes machen, um Aufmerksamkeit zu erlangen.

Meiner Meinung nach sollten wir uns viel öfter auf das besinnen, was uns am Herzen liegt und wodurch wir uns identifizieren. Wir sollten nicht dem schnellen Ruhm in den sozialen Medien oder im Bekanntenkreis nacheifern. Dieser wird uns nicht glücklich machen, er wird eher zur Suchtgewohnheit.

Leben wir jedoch nach unseren Werten, die wir vielleicht von unseren Eltern gelernt oder selbst entwickelt haben, dann werden wir uns selbst über unser Tun definieren und so glücklicher werden als durch fremde kurzzeitige Aufmerksamkeit. Vor allem sollten wir uns gegen die Schnelllebigkeitstrends von immer mehr Besonderem in kürzerer Zeit befreien.

Alte Werte und Wertvorstellungen geben uns Halt. Wir erhalten keinen Halt von flüchtiger Aufmerksamkeit, sondern von stabilen langanhaltenden und vertrauensvollen Beziehungen in der Familie und im Freundeskreis. Wenn wir wissen, dass wir so sein können, wie wir sind und nicht dem neuesten Trend nacheifern müssen, dann können wir zu uns finden und glücklich werden.

Machen Sie nicht den Fehler, wie der Pfarrer, und versuchen Sie nicht immer etwas Besonderes zu sein oder zu tun. Sein Sie Sie und Sie werden sehen, es werden über kurz oder lang die Menschen in Ihr Leben treten, die zu Ihrem wahren Ich passen. Diese Beziehungen werden Ihnen mehr Halt und Anerkennung geben, als es alle Likes dieser Welt je könnten.

Beginnen Sie am besten gleich jetzt, um in 2019 zu dem Mensch zu werden, der Sie sind und nicht der, den Sie denken sein zu müssen, um vorne bei dem Neuesten und Extravagantesten dabei zu sein.

Sie sind Sie und das ist besonders genug!

Ihr